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Bürgermeister Jürgen Lübbe im Gespräch

S c h ö n i n g e n :  Z G B   i g n o r i e r t   B ü r g e r w i l l e n

Jürgen Lübbe ist seit 1977 Stadtdirektor der Stadt Schöningen und seit 2001 hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt. Der 1943 in Bad Nenndorf geborene Jurist ist Mitglied des Geschäftsführenden Präsidiums des Niedersächsischen Städtetages und unterrichtete jahrzehntelang an der Fachhochschule Verwaltung und Rechtspflege mit dem Schwerpunkt Umweltrecht. Sein Ziel: Die Erhaltung und Verbesserung des Personennahverkehrs auf der Strecke von Schöningen nach Braunschweig.

SGNV Schöningen hat mit der Südelmstrecke eine bemerkenswert vorteilhafte Einbindung in das Eisenbahnnetz. Die Kreisstadt Helmstedt, derzeit noch IC-Halt, sowie Wolfenbüttel und Braunschweig sind problemlos ohne Umsteigen zu erreichen. Diese Verbindungen sollen nach den Vorstellungen des ZGB zum Fahrplanwechsel im Dezember 2007 gekappt werden. Was bedeutet das für die Stadt Schöningen?

Lübbe: Wir halten das für eine nachteilige Entscheidung für die Stadt Schöningen. Die Strecke ist in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts gebaut und ständig befahren worden, auch während der Zeit der innerdeutschen Teilung, als der Zug kilometerlang immer unmittelbar entlang der innerdeutschen Grenze entlang fuhr. Viele Stillegungsversuche sind abgewehrt worden. Und es ist noch nicht einmal die Bahn AG, sondern der Träger des öffentlichen Personennahverkehrs im Großraum Braunschweig, der diese Entscheidung gefällt hat. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, zu dem der Schienennahverkehr durch die Einführung der Regionalbahn verbessert werden soll. Die Stadt Schöningen hat sich immer dafür ausgesprochen, weil sie dies für ein ganz wichtiges verkehrspolitisches Ziel in unserer Region hält. Und nun legt der Zweckverband Großraum Braunschweig (ZGB) gegen den Willen der Stadt Schöningen den Verkehr zwischen Schöningen und Schöppenstedt still. Bei Gelegenheitsumfragen im Jahre 2004 haben sich in Schöppenstedt und Schöningen 5.000 Personen durch ihre Unterschrift für den Erhalt der Bahn und für den Ausbau der Regionalbahn ausgesprochen. Dies ist dem ZGB in einer Verbandssitzung mitgeteilt worden. Trotzdem hat sich der ZGB über den Bürgerwillen hinweggesetzt.

SGNV Bis vor Kurzem war die RegioStadtBahn (RSB) mit einer Linie nach Helmstedt und Braunschweig noch fester Bestandteil der Planungen des ZGB. Wie schätzen Sie die Chancen einer Realisierung der RSB-Anbindung von Schöningen nach der Abbestellung des Zugverkehrs ab Dezember 2007?

Lübbe: Der ZGB möchte die Strecke zwischen Schöppenstedt und Schöningen erhalten wissen, sie aber nicht befahren. Wenn eine Strecke nicht befahren wird, müssen die Menschen andere Verkehrsmittel suchen. Wer sich dann einmal für den Pkw entschieden hat, der wird zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr auf die Bahn zurückgeholt werden können. Im übrigen wird eine Strecke, die nicht mehr befahren wird, erfahrungsgemäß nicht ausreichend unterhalten. Die Folge ist, daß die Bahnstrecke in wenigen Jahren so verkommt, daß sie nicht mehr befahren werden kann. Selbst wenn sie also jemand befahren wollte, müßten erhebliche Investitionen durchgeführt werden, für die sich dann niemand bereit finden wird.

SGNV Befürchten Sie bereits kurz- und mittelfristig negative Auswirkungen auf den Wohnstandort Schöningen - Stichwort: Wegfall der Pendlerpauschale, Benzinpreisentwicklung -?

Lübbe: Ja natürlich. Der Fortfall der Pendlerpauschale, der Anstieg der Benzinpreise wirkt sich vermutlich sehr schnell aus. Eine Fahrt zu einem entfernteren Arbeitsplatz wird finanziell unattraktiv. Man zieht bei der erst besten Gelegenheit um. Wir rechnen mit einem erheblichen Verlust an Einwohnern, mit erheblichen Leerständen in Mietwohnungen und mit einem Preisverfall bei Einfamilienhäusern. Daß der Verlust an Einwohnern sich auch auf die Wirtschaftskraft des Ortes auswirkt, versteht sich von selbst.

SGNV Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in unsere Region spielt besonders die Mobilität für zunehmende Zahl älterer Menschen eine wichtige Rolle. Werden hier durch die Einschränkungen des Öffentlichen Nahverkehrs nicht große Chancen verspielt und die Lebensbedingungen nachhaltig verschlechtert?

Lübbe: Die Menschen werden immer älter. Gerade der ältere Mensch ist aber auf den öffentlichen Personennahverkehr angewiesen. Viele ältere Menschen werden damit vom Kulturangebot in den Zentren, von Einkaufsmöglichkeiten für seltenere Güter, aber auch von einer ausreichenden medizinischen Versorgung abgeschnitten. Gerade weil uns die demographische Entwicklung bekannt ist, müssen wir auch ein entsprechendes Verkehrsangebot vorhalten.

SGNV Welche Perspektiven hat die Entwicklung eines kulturellen und touristischen Profils für Schöningen ohne die Anbindung an das regionale und überregionale Schienennetz?

Lübbe: Die Stadt Schöningen ist ein alter Fremdenverkehrsort im Lande Braunschweig. Die Nichterreichbarkeit mit dem öffentlichen Personennahverkehr stellt zweifellos einen Nachteil dar. Gerade als Vorsitzender des hiesigen Kulturvereins weiß ich, daß die Menschen gerne in die benachbarten Mittel- und Großstädte fahren, um dort am Kulturangebot teilzunehmen. Dazu bedarf es aber eines öffentlichen Personennahverkehrs, der auch Fahrmöglichkeiten an Wochenenden und in den Abendstunden garantiert. Eine Bahnstrecke ist nun einmal ein weicher Standortfaktor, der sich nicht nur für die Ansiedlung von Betrieben, sondern auch für die Ansiedlung von Einwohnern als unverzichtbar erweist.

SGNV Der ZGB ist neben der regionalen Verkehrsplanung auch für die Raumordnung zuständig. Im regionalen Raumordnungsprogramm wird von der wesentlichen Bedeutung von Schienenstrecken als Rückgrad der regionalen Entwicklung gesprochen. Wie passt aus Ihrer Sicht die Abbestellung des SPNV auf der Südelmstrecke durch die eine Abteilung des ZGB mit den Zielen der anderen zusammen?

Lübbe: Hier werde ich den Eindruck nicht los, daß beim ZGB die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Als Träger der Raumordnung weist der ZGB die Strecke zwischen Schöppenstedt und Helmstedt als wichtige Verkehrsstrecke aus mit dem Inhalt, daß alles getan werden muß, um diese Strecke zu erhalten und um sie betreiben zu können. Gleichzeitig aber bestellt der ZGB den Bahnverkehr auf der Strecke ab. Man fragt sich, wie kann man den Erhalt einer Strecke fördern, die man gleichzeitig nicht mehr befährt?

SGNV Welche Alternativen werden sich der Stadt Schöningen in Zukunft für die Einbindung in das Netz des öffentlichen Nahverkehrs ohne RegioStadtBahn bieten?

Lübbe: Ich befürchte, daß die Leute, die die Bahn nicht oder nicht mehr benutzen können, soweit sie denn können, auch mit dem Pkw fahren werden. Und diejenigen, denen ein Pkw nicht mehr zur Verfügung steht, werden entweder Schöningen verlassen oder aber mit verminderter Lebensqualität vorlieb nehmen müssen. Der angebotene Ersatz-Bus-Verkehr ist nach unserer Auffassung nicht ausreichend. Die Leute werden nicht zum Busbahnhof Schöningen gehen oder fahren, dort einen Bus besteigen, um mit diesem nach Schöppenstedt zu fahren, um dort auf die Regionalbahn umzusteigen. Dieser gebrochene Verkehr in Richtung Wolfenbüttel und Braunschweig ist zu kompliziert und zu unbequem. Er wird nicht in Anspruch genommen werden. Er wird dann mangels Inanspruchnahme eingestellt werden, so daß es keine unmittelbare Verbindung mehr zwischen Schöningen einerseits und Wolfenbüttel und Braunschweig andererseits geben wird.

SGNV Die Investitionen für einen RSB-Betrieb auf der Südelmstrecke sind im Verhältnis zu anderen Strecken wie der "Mühlenbahn" Braunschweig - Gifhorn relativ gering, da keine neuen Bahnhöfe oder Ausweichstellen gebaut werden müssen. Ein RSB-Betrieb nach Schöningen kann deshalb wesentlich zeitnäher aufgenommen werden. Sehen Sie Möglichkeiten, den ZGB davon zu überzeugen, dass mit der geplanten RSB-Betriebsaufnahme ab 2009 auch im Bahnhof von Schöningen wieder Züge halten werden?

Lübbe: Nach Aussage des ZGB müßte allerdings bei der derzeitigen Fahrplanung in Watenstedt eine Ausweichstelle errichtet werden. Wie weit das zutrifft, können wir nicht beurteilen. Aber selbst wenn sich hierfür ein Fahrplanzwang ergeben sollte, müßte der Versuch gemacht werden, die ja im übrigen vorhandene Strecke nicht nur zu erhalten, sondern diese mit einem attraktiven Personennahverkehr mit festem Takt, der auch an Wochenenden und in den Abendstunden in die Innenstadt von Braunschweig fährt, zu bedienen. Wir sind natürlich sehr skeptisch, was die Änderungswilligkeit des ZGB angeht. Aber wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben und wir werden weiter an alle Beteiligten herantreten, um den Wunsch unserer Bürger zu erfüllen und die Zukunft für unsere Stadt zu verbessern.

 
       © 2005 by Stefan Quast